Betreuter Urlaub bei Demenz – so geht Reisen mit Pflegegrad
Wie läuft ein betreuter Urlaub bei Demenz ab? Pflegefachkraft Christin Steinbach erzählt, wie Reisen bis Pflegegrad 5 gelingen.
- „Urlaub ist möglich, auch mit Pflegebedarf.“
- „Die erste Hürde zu nehmen, war schwierig. Aber danach war es immer gut.“
- Welche Reisen bietet ihr an, und wohin geht es?
- Wie muss ich mir eine solche Reise vorstellen, so einen ganz normalen Tag?
- Und was machen die Gäste tagsüber miteinander?
- Sind die ersten Tage nicht besonders schwierig?
- Wer kümmert sich unterwegs um die Pflege, auch nachts?
- Wer ist diese Begleitperson, der ich meinen Angehörigen anvertraue?
- Ihr reist mit recht großen Gruppen, wie findet ihr passende Unterkünfte?
- Zwei Momente, die Christin nicht vergisst
- Tut so eine Reise einem Menschen mit Demenz wirklich gut?
- Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich meinen Angehörigen allein reisen lasse?
- Was eine solche Reise kostet
- Der Förderverein
- Zum Schluss
- Bevor es losgeht
- Entdecke unser Beschäftigungsheft
- Weitere Ratgeber-Artikel
„Urlaub ist möglich, auch mit Pflegebedarf.“
Ich habe ein Gespräch mit Christin Steinbach, Pflegefachkraft und Reiseleiterin bei Urlaub & Pflege e. V., geführt. Wir haben über betreute Reisen für Menschen mit Demenz und Pflegegrad, den Alltag unterwegs und die Frage, warum man den Mut nicht zu früh aufgeben sollte, gesprochen.
Vor mehr als 25 Jahren machte Susanne Hanowell, Christins jetzige Chefin, damals junge Diplom-Sozialpädagogin, ein Praktikum in einem Pflegeheim. Sie fragte die Bewohnerinnen und Bewohner, was sie sich am meisten wünschten. Eine Antwort kam wieder und wieder: noch einmal ans Meer. Sie organisierte einen ersten Ausflug auf eine Nordseeinsel, und daraus wurde mehr. 1999 gründete sie den Verein Urlaub & Pflege e. V.

Aus zwei, drei Reisen im Jahr wurden über die Jahre zwölf bis fünfzehn. Heute reisen rund 150 Menschen mit Pflegebedarf bis Pflegegrad 5 pro Jahr mit dem Verein, begleitet von einem festen Team und etwa 60 ehrenamtlichen Reisebegleiterinnen und Reisebegleitern. Menschen mit kognitiven Einschränkungen, Menschen, die Hilfe bei der Fortbewegung benötigen, Menschen mit aufwendiger medizinischer Versorgung, bspw. Magensonde oder Tracheostoma, können mitfahren.
Eine, die diese Reisen begleitet, ist Christin Steinbach. Sie ist Pflegefachkraft und kam über einen persönlichen Umweg zum Verein: Nach dem Schlaganfall ihrer eigenen Oma suchte sie eine Urlaubsmöglichkeit für sie und entdeckte dabei zufällig eine Stellenanzeige auf der Website des Vereins. Im April 2023 fing sie bei Urlaub & Pflege e. V. an. Heute reist sie als Pflegefachkraft und Reiseleiterin mit. Wir haben sie gefragt, wie eine solche Reise abläuft.
„Die erste Hürde zu nehmen, war schwierig.
Aber danach war es immer gut.“
Christin kennt die größte Hürde aus der eigenen Familie. Ältere Menschen haben Hemmungen vor dem Reisen, sagt sie. Über die Jahre wird die Welt kleiner, der Radius schrumpft auf wenige vertraute Räume, und gerade seit Corona haben sich viele zu Hause eingerichtet. Der Gedanke, plötzlich zu verreisen, fühlt sich erst einmal nach Überforderung an. Ihre Erfahrung aus vielen Reisen aber ist: Der Schritt aus der Tür kostet Mut. Was danach kommt, gibt ihn zurück.
Welche Reisen bietet ihr an, und wohin geht es?
Das Angebot ist breiter, als die meisten erwarten. Es gibt Erholungsreisen für alle, die vorwiegend Ruhe suchen, und Erlebnisreisen mit mehr Ausflügen.
Für Menschen mit Demenz haben wir eigene Demenzreisen: in kleinem, überschaubarem Rahmen, in ruhigen Hotels, in denen wir oft die einzige Gruppe sind, mit kürzeren Ausflügen und viel Programm im Haus. Dabei richten wir uns nach der Biografie der Gäste. Wer fitter ist, für den gibt es Minigruppenreisen, nur drei bis vier Gäste, beweglicher und spontaner, allerdings ohne nächtliche Betreuung und deshalb bis Pflegegrad 3. Dazu kommen Tandemreisen für pflegende Angehörige, die gemeinsam mitfahren und trotzdem Zeit für sich haben möchten, sowie Individualreisen und Kurzzeitpflege. Gereist wird überwiegend in Deutschland, manchmal auch in die Niederlande oder nach Belgien.
Am beliebtesten ist das Meer: Die Nordseeinseln Norderney und Borkum sind immer wieder gefragt. Wohin es geht, hängt stark davon ab, ob wir eine passende, wirklich barrierefreie Unterkunft finden. Deshalb kehren wir gern zu den Häusern zurück, die sich bewährt haben.

Zwölf bis fünfzehn Reisen organisiert der Verein pro Jahr, meist zwischen April und Oktober, in der Regel acht bis fünfzehn Tage lang.
Wie muss ich mir eine solche Reise vorstellen, so einen ganz normalen Tag?
Die Reise hat einen festen Rhythmus, und genau das gibt insbesondere Menschen mit Demenz Halt. Ein Tag beginnt gegen acht Uhr mit der Morgenpflege, danach gibt es Frühstück. Vormittags eine gemeinsame Runde, oft mit etwas Gedächtnistraining. Nach dem Mittagessen ist Ruhezeit, nachmittags steht meist ein Ausflug an. Nach dem Abendbrot kommt das Abendprogramm. Wie viel jemand mitmacht, bleibt ihm überlassen. Niemand muss. Wer sich lieber ausruhen möchte, tut das.
Und was machen die Gäste tagsüber miteinander?
Es wird gemeinsam gegessen, gespielt und gequizzt. Außerdem wird Gymnastik gemacht, gebastelt, es werden Grußkarten geschrieben und ein Reisetagebuch geführt. Gemeinsame Spaziergänge, ein Stadtbummel und gemütliches Kaffeetrinken dürfen auch nicht fehlen.
Die gemeinsamen Aktivitäten werden vorrangig vom Urlaubsort bestimmt, also Stadtführungen, Schifffahrten, Museumsbesuch oder ein Ausflug in den Tierpark.

Sofern die Unterkunft ein barrierefreies Schwimmbad hat, ist auch das gemeinsame Schwimmen eine beliebte Beschäftigung. Die Gruppe bleibt zusammen, niemand wird ausgeschlossen, und mitmachen muss trotzdem keiner. Gerade die gemeinsamen Beschäftigungen sind es, bei denen viele aufblühen, besonders, wenn sie an Vertrautes anknüpfen: bekannte Lieder, alte Spiele, Themen aus dem früheren Leben.
Was viele Angehörige fürchten: dass alles vom ersten Moment an reibungslos laufen muss. Christin winkt ab.
Sind die ersten Tage nicht besonders schwierig?
Die ersten zwei Tage sind die stressigsten, danach findet sich alles. In den ersten Tagen pendelt sich die Gruppe ein: Man merkt, wer mit wem gut kann, wer beim Essen neben wem sitzen möchte, und stellt die Sitzordnung notfalls noch einmal um. Was am Anfang nach Unruhe aussieht, wird meist schnell ein eingespieltes Miteinander.
Wer kümmert sich unterwegs um die Pflege, auch nachts?
Jeder Gast wird eins zu eins von einer ehrenamtlichen Begleitperson betreut. Dazu sind examinierte Pflegekräfte rund um die Uhr da.

Auf den meisten Reisen gibt es eine Nachtbereitschaft, die bei Bedarf zweimal nachts ins Zimmer schaut und beispielsweise beim Toilettengang unterstützt und über das Handy jederzeit erreichbar ist. Bei Hinlauftendenz arbeiten wir mit Klingelmatten, die anschlagen, sobald jemand aufsteht. So kann niemand unbemerkt das Zimmer verlassen, und auch nächtliche Unruhe oder häufige Toilettengänge gehören für uns zum Alltag. Auch die medizinische Versorgung läuft weiter. Medikamente werden kontrolliert gegeben, dazu Lagerungswechsel, Versorgung bei Inkontinenz, Kompressionsstrümpfe, Wundverbände, Insulin, Blutdruckkontrolle, Katheter oder Stoma. Vieles, was zu Hause der Pflegedienst macht, läuft auf der Reise einfach weiter, nur eben am Meer statt im Wohnzimmer. Echte Notfälle sind die große Ausnahme.
Wer ist diese Begleitperson, der ich meinen Angehörigen anvertraue?
Jeder Gast wird von einer ehrenamtlichen Begleitperson eins zu eins betreut, ganz nah, den ganzen Tag. Ein persönliches Kennenlernen vorab ist meist nicht möglich, die Begleitung lernt den Gast erst zu Reisebeginn kennen. Genau deshalb tragen wir vorher so genau zusammen, wer dieser Mensch ist: seine Gewohnheiten, seine Vorlieben, seine Eigenheiten. Vorab telefonieren wir, manchmal gibt es einen Hausbesuch. Und wenn die Chemie einmal gar nicht passt, schauen wir gemeinsam, woran es liegt.

Ihr reist mit recht großen Gruppen, wie findet ihr passende Unterkünfte?
Das ist tatsächlich das Schwierigste an der ganzen Planung. Eine Unterkunft muss genügend barrierefreie Zimmer haben, mindestens zehn, und es muss möglich sein, bei Bedarf ein Pflegebett aufzustellen. Insgesamt sind wir bis zu 26 oder 27 Personen. Barrierefreiheit ist dabei das größte Hindernis, brauchbare Häuser sind rar und Alternativen knapp. Deshalb kehren wir gern zu den Unterkünften zurück, die sich bewährt haben. Anmelden kann sich übrigens jeder, eine regionale Grenze gibt es nicht. Gäste in Nordrhein-Westfalen holen wir zu Hause ab.
Zwei Momente, die Christin nicht vergisst

In einem Hotel im Odenwald gab es ein Schwimmbad mit Lifter. Ein Gast mit schweren Einschränkungen, Pflegegrad 5, wollte unbedingt ins Wasser.
Als er im Schwimmbad-Lift sitzend über dem Becken hing, sagte er immer wieder: „Ich habe Höhenangst.“ Der Wunsch zu schwimmen war größer als die Angst. Also wurde er langsam hinabgelassen, immer noch murmelnd, und dann war er im Wasser. Manchmal, sagt Christin, ist der Mut nicht das Gegenteil der Angst. Also wurde er langsam hinabgelassen. Er murmelte noch, als er in Wasser eintauchte. Dann war er still und strahlte vor Freude.
Auf einer Reise nach Norderney feierten zwei verheiratete Frauen ihr fünfzigjähriges Kennenlernen. Es gab Strandtage in den Strandkörben und das Reiseteam hat mit den beiden als Überraschung ein kleines Fotoshooting gemacht: die beiden im Partnerlook, schick gemacht und lachend im Strandkorb. Eine der beiden Frauen hatte kurz danach während der Reise Geburtstag. Das Team rahmte ihr die Bilder ein und schenkte sie ihr. Sie hatte Tränen in den Augen. Solche Momente, sagt Christin, nimmt man mit nach Hause und wird sie nie vergessen.
Tut so eine Reise einem Menschen mit Demenz wirklich gut?
Davon bin ich überzeugt. Man bewegt sich mehr, das tut Körper und Seele gut. Aber das Stärkste ist die Gemeinschaft. Beim gemeinsamen Spielen blühen viele richtig auf, sie strahlen plötzlich. Und das bleibt nicht auf die Reise beschränkt. Angehörige erzählen uns immer wieder, wie viel offener ihre Mutter oder ihr Vater nach so einer Reise nach Hause kommt.
Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich meinen Angehörigen allein reisen lasse?
Diese Erfahrung mache ich anders, als viele vermuten: Die Familien, die bei uns buchen, haben in der Regel keine Schuldgefühle. Sie wollen ihrem Angehörigen etwas Schönes ermöglichen und sich selbst eine Entlastung gönnen. Wer den Anruf gemacht hat, hat die innere Hürde meistens schon genommen. Und Ehepaare erleben es oft als Geschenk, gemeinsam zu verreisen, statt nur den Pflegealltag zu teilen.
Was eine solche Reise kostet
Eine betreute Reise ist aufwendiger als ein gewöhnlicher Urlaub. Die Kosten setzen sich aus drei Teilen zusammen…
Dem Urlaubsanteil für Unterkunft, Verpflegung und Anreise, dem Betreuungsanteil für die persönliche Begleitung und dem Pflegeanteil, der sich nach dem Pflegegrad richtet. Eine Beispielrechnung (am Beispiel einer Individualreise und einer Gruppenreise) stellt der Verein auf seiner Website bereit.
Für zu Hause gepflegte Menschen lassen sich Leistungen der Pflegeversicherung auf den Betreuungs- und Pflegeanteil anrechnen. Und wer sich eine Reise trotzdem nicht leisten kann, kann beim Förderverein einen Zuschuss beantragen.

Der Förderverein
Der Förderverein Urlaub & Pflege e. V. ist eine eigene gemeinnützige Organisation und wird ehrenamtlich getragen. Er erhält keine staatliche Förderung, sondern finanziert sich aus Spenden von Privatpersonen und Unternehmen und bezuschusst damit Reisen für Menschen, die sie sich sonst nicht leisten könnten. Sein Ziel: dass Menschen mit Pflegebedarf für ihren Urlaub nicht mehr zahlen müssen als alle anderen. Unterstützen kann man ihn schon mit einem kleinen monatlichen Beitrag, unter anderem über betterplace.org.
Zum Schluss
Meine Oma Hannelore hat keine solchen Reisen mehr gemacht. Vielleicht hätte sie es nicht mehr gewollt, vielleicht wäre die erste Hürde zu groß gewesen. Ich weiß es nicht. Aus dem Gespräch mit Christin habe ich mitgenommen, dass „zu spät“ seltener gilt, als wir glauben. Wenn du diesen Text liest und denkst, bei uns würde das nie klappen, dann ist ihre Antwort für dich.
„Seid mutig. Einfach mal trauen. Urlaub ist möglich, auch mit Pflegebedarf.“
Christin Steinbach, Pflegefachkraft und Reiseleiterin bei Urlaub & Pflege e. V.
Bevor es losgeht
Du überlegst, ob eine Reise für deinen Angehörigen infrage kommt? In unserem Ratgeber „Reisen mit Demenz“ findest du eine Einschätzungshilfe und eine Vorbereitungs-Checkliste zum Download.
Urlaub & Pflege e. V. ist ein gemeinnütziger Reiseveranstalter für Menschen mit Hilfs- und Pflegebedarf, Bahnhofstr. 7, 48291 Telgte. Informationen zu Reisearten, Terminen und Kosten gibt es auf urlaub-und-pflege.de; Beratung auch telefonisch über den Standort Telgte.
Hinweis: Dieses Gespräch gibt die Erfahrungen einer einzelnen Reiseleiterin wieder und ersetzt keine medizinische, pflegerische oder rechtliche Beratung im Einzelfall. Angaben zu Kosten und Leistungen können sich ändern.



