Alltag mit Demenz zu Hause: Praktische Tipps,
die mir am Anfang niemand gesagt hat

Wie sieht ein guter Tag mit Demenz zu Hause aus? Ich teile, was bei meiner Oma funktioniert hat – mit fester Routine,
ehrlichen Fehlern und praktischen Tipps, die ich gerne früher gewusst hätte.

Beistelltisch mit Digitaluhr, Medikamentenbox und handgeschriebenem Zettel – Orientierungshilfen im Alltag mit Demenz

Warum ich beim Thema Tagesstruktur ehrlich sein muss

Ich möchte gleich zu Beginn etwas klarstellen: Wir hatten bei meiner Oma Hannelore eine 24-Stunden-Pflege im Haus. Wechselnde Pflegerinnen, die rund um die Uhr da waren. Ich habe den Alltag meiner Oma also nicht alleine strukturiert – und ich wäre unehrlich, wenn ich so täte, als hätte ich das getan.

Aber: Ich war regelmäßig da. Ich habe beobachtet, was funktioniert und was nicht. Ich habe die Pflegerinnen angeleitet und mit ihnen zusammen Lösungen gesucht. Und ich habe in meiner Angehörigenschulung und Gesprächsgruppe gelernt, wie andere Familien das ohne professionelle 24-h-Pflege stemmen. Ich weiß also, wovon ich rede – aber ich weiß auch, wo meine Erfahrung Grenzen hat. Und genau das möchte ich mit dir teilen.

Was ich den Pflegerinnen immer gesagt habe: Am Ende des Tages müsst ihr mit der Situation klarkommen. Ich kann Ideen geben, aber ihr seid diejenigen, die 24 Stunden hier sind. Diese Haltung hat uns geholfen – weil sie den Pflegerinnen Raum gegeben hat, eigene Lösungen zu finden.

Was bei uns den Tag zusammengehalten hat

Meine Oma war schon vor der Demenz ein Mensch mit klaren Routinen. Feste Zeiten, feste Abläufe – so war sie einfach. Und das war rückblickend ein Segen, denn bei Demenz ist Vorhersehbarkeit das Wichtigste. Wenn der Kopf nicht mehr mitmacht, hält der Körper sich an das, was er kennt.

Unser Tag sah meistens so aus:

  • Aufstehen und ins Bad
  • Anziehen – später mit Hilfe, weil die Klamottenauswahl nicht mehr funktionierte
  • Frühstück
  • Mittagessen
  • Mittagsschlaf
  • Übungen machen oder Ausmalen
  • Kaffee und Kuchen – das absolute Highlight
  • Abendbrot
  • Bettfertig machen und schlafen

Das klingt banal, aber genau darin liegt die Kraft. Jeden Tag dasselbe. In derselben Reihenfolge. Zur selben Zeit. Keine Überraschungen, keine spontanen Änderungen. Meine Oma brauchte keine Abwechslung – sie benötigte Wiederholung.

Beim Anziehen haben wir irgendwann heimlich den Kleiderschrank ausgedünnt. Meine Oma konnte sich nicht mehr angemessen anziehen – im Winter den Bademantel, im Sommer den Wollpulli. Zeitweise durfte man ihr da nicht hereinreden, also haben wir Sachen einfach unauffällig aussortiert. Weniger Auswahl heißt weniger Überforderung.

Kaffee und Kuchen waren bis zum Schluss unser gemeinsames Ritual. Egal wie der Tag lief, egal wie viel gestritten oder geweint wurde – beim Kaffee war die Welt in Ordnung. Wenn du einen Ankerpunkt im Tag suchst: Gemeinsame Mahlzeiten sind Gold wert.

Gedeckter Kaffeetisch mit Streuselkuchen und Zwiebelmuster-Geschirr – gemeinsames Kaffeetrinken als Ritual im Alltag mit Demenz

Wenn der Tag-Nacht-Rhythmus kippt

Es gab eine Phase, die für alle am schlimmsten war: Meine Oma schlief nachts nicht mehr. Der Tag-Nacht-Rhythmus war komplett aus dem Takt. Sie war nachts permanent wach, musste ständig auf die Toilette, und der Tag begann manchmal schon um 4 oder 5 Uhr morgens. Dafür hat sie tagsüber willkürlich und teilweise sehr lang geschlafen. Die Verdauung war durcheinander. Und ja – meine Oma hat nachts um 3 Uhr nach der Post geschaut.

Für die Pflegerinnen war das extrem belastend. Die müssen ja auch irgendwann schlafen. Und wenn du nachts alle zwei Stunden aufstehst, bist du tagsüber nicht mehr in der Lage, gute Betreuung zu leisten. Ein Teufelskreis.

Ich sage dir ganz offen: Viel ausprobieren konnten wir nicht. Reden, erklären, überzeugen – das funktioniert bei Demenz ab einem gewissen Punkt nicht mehr. Am Ende haben Medikamente geholfen. Wir hatten zu dem Zeitpunkt eine ganz tolle palliative Pflege, die das engmaschig begleitet hat. Ohne die wären wir aufgeschmissen gewesen.

Was ich gelernt habe: Wenn der Tag-Nacht-Rhythmus kippt, hol dir ärztliche Hilfe. Früher, als du denkst. Wir haben zu lange gewartet.

Ältere Person im Bademantel und Pantoffeln am Briefkasten im verschneiten Garten bei Nacht – wenn bei Demenz der Tag-Nacht-Rhythmus kippt

Besuche, Arzttermine und alles, was Unruhe bringt

Etwas, das mich anfangs komplett überrascht und verletzt hat: Meine Besuche haben meine Oma aus dem Konzept gebracht. Nicht immer, aber in einer bestimmten Phase war es richtig schlimm.

Sobald ich da war, ging es los: Wo fahren wir hin? Was passiert jetzt? Wieso bist du hier? Machen wir alles richtig? Sind wir richtig hier? Wo sind wir? Wie kommen wir nach Hause? Wo ist das Auto? – Frage um Frage um Frage, im Minutentakt. Sie konnte sich nicht beruhigen.

Und wenn ich gehen wollte, flossen Krokodilstränen. Also: Einerseits hat mein Besuch Unruhe ausgelöst, andererseits wollte sie mich nicht gehen lassen. Das ist typisch Demenz: viele Widersprüche, die man aushalten muss.

Nicht nur meine Besuche – auch Arzttermine oder andere Abweichungen vom Alltag haben sie komplett aus dem Konzept gebracht. Alles, was anders war als die Routine, war eine potenzielle Katastrophe, die zu Ängsten und Unruhe geführt hat.

Was geholfen hat:

  • Besuche während des Mittagsschlafs planen – dann war ich schon da, wenn sie aufwachte, und es war weniger Aufregung
  • Besuche kurz halten und nicht zu viel auf einmal wollen
  • Manchmal einfach: durchhalten. Es gibt Phasen, da muss man da einfach durch
  • Medikamente haben auch hier geholfen, die Unruhe und Angst zu dämpfen

Das Gute: Diese Phase ging vorbei. Als die Demenz weiter fortschritt, wurde es paradoxerweise besser – die Ängste ließen nach und meine Besuche wurden wieder schön.

unges Mädchen steht vor einem Spiegel und sieht eine alte Frau als Spiegelbild – wenn Menschen mit Demenz sich innerlich als Kind fühlen

„Wo ist meine Mama?“ – Wenn dein Angehöriger nach Hause will

In der Fachsprache heißt es „Hinlauftendenz“ – nicht Weglauftendenz. Weil Menschen mit
Demenz nicht weglaufen, sondern hinlaufen: zum Haus ihrer Kindheit, zur alten
Arbeitsstelle, zu den Menschen, die sie vermissen. Das fand ich einen wichtigen
Perspektivwechsel.

Was es noch schmerzhafter machte: Das Verhältnis zu ihrer Mutter war zu Lebzeiten nie
besprochen worden. Das Thema wurde totgeschwiegen, wie so vieles in dieser Generation.
Die Demenz hat etwas freigelegt, das ein ganzes Leben lang unterdrückt wurde.

Wenn sie Fotos von sich gesehen und sich erkannt hatte, fragte sie manchmal: „So alt sehe
ich aus?“ Sie lebte innerlich als junges Mädchen – und dann konfrontiert ein Foto sie mit der 81-jährigen Frau, die sie geworden ist.

Wie wir damit umgegangen sind: Mal haben wir versucht, sie in die Realität
zurückzuholen. Aber meistens sind wir in ihre Welt mitgegangen. „Die Mama kommt bald.“
Das ist keine Lüge – das ist Trösten. Und manchmal ist Trösten wichtiger als die Wahrheit.

Praktische Tipps, die mir am Anfang niemand gesagt hat

Die folgenden Tipps hätte ich gerne früher gehabt. Manches klingt banal, aber im Ernstfall macht es den Unterschied.

Sachen beschriften und nummerieren
Ganz am Anfang, wenn die Demenz noch leicht ist: Beschrifte Dinge, die man leicht verwechseln kann. Zahnpasta, Gesichtscreme, Handseife – alles sieht in Tuben mehr oder weniger gleich aus. Und nummeriere die Reihenfolge: Was macht man wann? Schritt 1: Zahnpasta. Schritt 2: Gesichtscreme. Das gibt Orientierung, ohne dass man danebenstehen muss.

Telefon und Notfallnummern
Kann dein Angehöriger noch telefonieren? Kann er im Notfall die Feuerwehr rufen? Lege eine Anleitung neben das Telefon. Und eine Liste der wichtigsten Nummern – groß gedruckt, laminiert am besten. In unserem HannaCare-Heft gibt es genauso eine Liste zum Ausschneiden, weil ich gemerkt habe, wie wichtig das ist. Meine Oma hat mich in einer Phase 3 bis 16 Mal am Tag angerufen. Meistens wollte sie wissen, wann ich komme. Natürlich bin ich jedes Mal rangegangen. Aber es zeigt, wie groß die Unsicherheit ist – und wie wichtig es ist, dass das Telefon funktioniert und erreichbare Nummern bereitliegen.

Kalender und Zettel
Wir haben meiner Oma mit Kalendereinträgen geholfen: „Anna kommt zum Mittag“ oder „Anna kommt zum Kaffee“. Zeitweise konnte sie das noch lesen und hat sich daran orientiert. Sie hat sich sogar selbst Sachen in den Kalender geschrieben. Manchmal schrieb sie einfach nur „heute“. Außerdem hat sie sich Zettel neben den Kalender gelegt mit Terminen. Teilweise lag da
dreimal derselbe Termin. Und hier mein Tipp: Lass es. Nicht korrigieren, nicht erklären. „Oma, das hast du schon dreimal aufgeschrieben – das kannst du dir sparen. Es führt nur zu Streit und Verunsicherung. Sie fühlt sich sicher mit ihren Zetteln, und das ist alles, was zählt. Wir hatten auch eine digitale Uhr mit Datum und Tageszeit. Aber ab einem gewissen Punkt hat sie die nicht mehr verstanden. Auch das war nur eine Phase – was heute funktioniert,
kann morgen schon vorbei sein.

Wandkalender mit handgeschriebenen Einträgen und Notizzetteln – Orientierungshilfe im Alltag mit Demenz



Kleidung heimlich aussortieren
Wie zuvor besprochen: Meine Oma konnte sich eines Tages nicht mehr angemessen anziehen. Aber hineinreden lassen wollte sie sich schon gar nicht. Unsere Lösung: Wir haben heimlich Sachen aussortiert und den Schrank so umgeräumt, dass nur noch passende Sachen griffbereit waren. Sie hat es nicht gemerkt, und wir hatten morgens keinen Streit. Solange dein Angehöriger nichts Gefährdendes anzieht – lass es laufen. Im Zweifelsfall ist ein verrücktes Outfit besser als ein Machtkampf.

Medikamente kontrollieren
Eines der Dinge, die ich erst spät herausgefunden habe: Meine Oma hat zeitweilig Tabletten heimlich nicht genommen. Einfach versteckt oder ausgespuckt. Das erwartet man nicht, aber es passiert häufiger, als man denkt. Kontrolliere, ob die Medikamente tatsächlich genommen werden. Nicht aus Misstrauen, sondern weil es um Gesundheit geht.

AirTag am Schlüssel
Meine Oma hat ihren Schlüssel permanent verlegt. Irgendwann habe ich einen AirTag drangehängt – einen kleinen GPS-Tracker, den man per Handy orten kann – und damit war das Problem gelöst. Gibt es von verschiedenen Herstellern für unter 30 Euro. Später hatten dann die Pflegerinnen die Schlüssel komplett, aber am Anfang war der AirTag Gold wert.

Schlüsselbund mit GPS-Tracker und laminierte Notfallkarte auf einem Flurregal – praktische Alltagshilfe bei Demenz

Vorsorgevollmacht prüfen
Meine Oma hatte gottseidank eine Vorsorgevollmacht. Aber was ich gelernt habe: Es reicht nicht, dass eine existiert. Prüfe, ob alle Ersatzbevollmächtigten eine eigene Ausfertigung haben. Und ob wirklich alle Rechtsgeschäfte abgedeckt sind, die später notwendig werden können: Wohnsitz, Bankgeschäfte, Immobilienverkauf, Pflegeentscheidungen. Darum
kümmert man sich am besten, solange der Mensch noch geschäftsfähig ist – danach wird es kompliziert und teuer.

Licht im Schlafzimmer und Babyphone
Meine Oma hatte Angst, allein im Dunkeln im Bett zu liegen. Unsere Lösung: Licht im Schlafzimmer anlassen und ein Babyphone aufstellen. Klingt simpel, war aber enorm wichtig für ihr Sicherheitsgefühl. Und für die Pflegerinnen, die so hören konnten, wenn nachts etwas war.

Wohnung sichern
Mit fortschreitender Demenz wird die Wohnung zur Gefahrenzone – ähnlich wie bei einem Kleinkind, nur dass dein Angehöriger größer und stärker ist. Ein paar Minuten Unaufmerksamkeit reichen, und es passiert etwas.
Bei meiner Oma: Sie ist allein rausgegangen und einmal gestürzt. Sie hat einen heißen Wasserkocher angefasst und wollte daraus trinken. Sie hat Sachen in Töpfe auf dem Herd oder in Kaffeetassen geworfen. Sie hat alles in den Mund genommen. Gottseidank ist nie etwas wirklich Schlimmes passiert, aber das war reines Glück.

Woran du denken solltest:

  • Herd und Backofen sichern – es gibt Herdsicherungen im Fachhandel
  • Heiße Gegenstände außer Reichweite stellen: Wasserkocher, Bügeleisen
  • Putzmittel, Medikamente und scharfe Gegenstände wegschließen
  • Türen und Grundstück sichern, wenn Weglauftendenz besteht
  • Ausreichend Licht, Handläufe, rutschfeste Matten im Bad
  • Prüfen: Kann die Person noch das Grundstück verlassen? Kennt sie den Weg zurück?
Küche mit Herdsicherung, Kindersicherung am Schrank und Nachtlicht – Wohnung sicher machen bei Demenz

Und ganz wichtig: Weiß das Umfeld Bescheid? Kennen die Nachbarn die Situation? Kann sich dein Angehöriger im Notfall ausweisen? Ein Zettel mit Name, Adresse und Telefonnummer in der Jackentasche kann im Ernstfall den Unterschied machen.

Essen, Trinken und Naschen
Essen war bei meiner Oma bis zum Schluss ein Ankerpunkt. Aber es gab auch Probleme. Sie hätte ohne Ende genascht, wenn wir sie gelassen hätten – also mussten wir Süßigkeiten rationieren und verstecken. Letztes Jahr zu Weihnachten habe ich mir schön gedacht, einen Adventskranz für die Pflegerinnen gekauft – und meine Oma hat versucht, ihn zu essen. Man lernt nie aus. Richtig gefährlich wurde es einmal mit Macrogol – einem Abführmittelpulver, das man in Wasser auflöst. Meine Oma hat sich das eine Zeitlang selbst angemixt und wusste nicht mehr, wie viel sie davon schon genommen hatte. Die Folge: extremer Durchfall. Wir haben das nur durch Zufall gemerkt und mussten es ihr dann wegnehmen – natürlich unter Protest. Wieder solch ein Moment, in dem man sich gegen den Willen des Menschen durchsetzen muss.

Trinken war ein Dauerthema. Meine Oma hat immer zu wenig getrunken. Unsere Lösung: Flaschen hinstellen und hoffen, dass es klappt. Zuckerhaltige Säfte untermischen, weil die eher getrunken wurden als Wasser. Und Lieblingskaffee immer anbieten – Kaffee ging immer. Ohne die Pflege wäre sie, offen gesagt, verdurstet. Das sage ich nicht leichtfertig.

Körperpflege: Nicht die Hügel wählen, auf denen man sterben will
Waschen und Duschen können zum täglichen Kampf werden. Bei uns war es das auch. Meine Oma wollte sich teilweise einfach nicht waschen lassen. Und ich habe etwas gelernt, das erst einmal provokant klingt: Jeder Mensch hat ein Recht auf Verwahrlosung. Das heißt nicht, dass einem die Pflege egal ist. Es heißt, dass man abwägen muss: Ist es die tägliche Dusche wert, wenn danach alle erschöpft, wütend und verweint sind? Manchmal war die Lösung ein Wegwerfwaschlappen aus der Drogerie statt einer großen Dusch-
Schlacht. Pragmatisch, nicht perfekt – aber gut genug. Und das muss man aushalten können.

Warum du Entscheidungen über den Kopf treffen musst – und das aushalten lernen

Das hier ist vielleicht das Wichtigste, was ich dir in diesem Artikel mitgeben kann.

Es wird Momente geben, in denen du Entscheidungen treffen musst, die dein Angehöriger hasst.
Den Briefkastenschlüssel wegnehmen.
Den Herd absichern. Die Autoschlüssel verstecken. Sachen aussortieren.
Medikamente anpassen. Dinge über den Kopf hinweg entscheiden.

Das fühlt sich furchtbar an. Wer nimmt seiner Oma gerne den Briefkastenschlüssel weg? Aber die Alternative ist: Oma sitzt nachts im Winter vor dem Briefkasten und erfriert. So hart das klingt – genau so muss man denken. Denn wenn du es nicht tust, übernimmt die Demenz. Und die Demenz trifft keine guten Entscheidungen.

Lieber zwei Tage Streit aushalten, als sich hinterher Vorwürfe machen.
Das schlechte Gewissen gehört dazu. Es wird nicht weggehen. Aber es ist kein Zeichen dafür, dass du falsch handelst. Im Gegenteil: Dass es dir schwerfällt, zeigt, dass du es aus Liebe tust. Und genau das musst du aushalten lernen. Dieses „Aushalten“ zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Demenz-Begleitung.

Medikamente: Das Tabuthema, über das niemand redet

Viele Angehörige scheuen das Thema Medikamente. Man will seinen Menschen ja nicht „ruhigstellen“. Ich verstehe das. Aber ich sage dir aus eigener Erfahrung: Wir haben zu lange gewartet.

Das Problem war nicht, dass wir gegen Medikamente waren. Das Problem war, dass ich gar nicht auf die Idee gekommen bin, und von unserer Neurologin haben wir leider auch keine Tipps oder proaktive Beratung bekommen. Es war am Ende ein verzweifelter Geistesblitz, der uns dazu gebracht hat, nach medikamentöser Unterstützung zu fragen.

Meine Oma bekam dann verschiedene Medikamente – ich möchte hier bewusst keine konkreten Namen nennen, denn das ist bei jedem Menschen anders und muss individuell mit dem Arzt besprochen werden. Es hat nicht gleich alles geklappt – wir haben herumprobiert, Dosen angepasst, Medikamente gewechselt. Aber als es funktionierte, war der Unterschied enorm. Der Tag-Nacht-Rhythmus stabilisierte sich, die Unruhe wurde weniger, die Angst ließ nach.

Wichtiger Hinweis: Alles, was ich hier über Medikamente und Behandlung schreibe, sind ausschließlich meine persönlichen Erfahrungen – keine medizinischen Empfehlungen. Jede Demenz verläuft anders, jeder Mensch reagiert anders. Bitte sprich immer mit einem Arzt, bevor du Entscheidungen über Medikamente triffst.

Mein Rat: Such dir eine erfahrene palliative Pflege. Der größte Unterschied zur normalen ärztlichen Versorgung: Die nehmen sich Zeit, kommen nach Hause, begleiten engmaschig und nehmen auch die Gespräche mit dir als Angehörige ernst. Bei uns war die Palliativpflege der absolute Game-Changer.

Küchentisch mit Notizbuch, Tee, Pflegeplan und Arzttasche – wenn die Palliativpflege nach Hause kommt

Demenz läuft in Wellen

Wenn es eine Sache gibt, die ich über Demenz gelernt habe, dann diese: Nichts bleibt, wie es ist. Nicht das Gute und nicht das Schlechte.

Dinge, die gestern noch funktioniert haben, funktionieren von einem Tag auf den anderen nicht mehr. Man muss sich immer wieder neu erfinden, Sachen anpassen, Lösungen finden. Was verlässlich ist, ist die Veränderung. Und es gab bei uns auch Momente, in denen es plötzlich schwierig wurde, dann wieder besser, dann wieder schlechter. Wie eine Wundertüte, nach der niemand gefragt hat.

Das Kalender-Schreiben hat eine Zeit funktioniert – dann nicht mehr. Die digitale Uhr hat eine Zeit geholfen – dann nicht mehr. Meine Besuche haben zeitweise Unruhe ausgelöst – dann wurde es besser. Die Angst im Bett war eine Phase. Das nächtliche Aufwachen war eine Phase.

Mein Tipp: Nimm jeden Tag, wie er kommt. Akzeptiere ihn, wie er ist. Und glaub bloß nicht, dass jetzt alles so bleibt – weder wenn es gut läuft, noch wenn es schlecht läuft.

Du schaffst das – aber nicht alleine

In meiner Angehörigenschulung habe ich gelernt, wie unterschiedlich Familien mit Demenz umgehen. Manche haben professionelle Pflege im Haus, so wie wir. Aber erstaunlich viele Menschen mit Demenz leben alleine – und bei einigen klappt das eine ganze Weile relativ gut.

Was vielen guttut: Tagespflege an ein paar Tagen in der Woche. Das gibt dem Angehörigen Struktur, Beschäftigung und soziale Kontakte – und dir als pflegender Person eine dringend benötigte Pause.

Was alle beschäftigt: die Angst vor dem Heim. Fast jeder Mensch mit Demenz hat diese Angst – abgeschoben zu werden, die Kontrolle komplett zu verlieren. Lieber alleine zu Hause zurechtkommen als untergebracht werden. Ich kann das verstehen. Aber es bringt Angehörige in eine furchtbare Lage, denn ein Mensch mit Demenz kann natürlich gefährliche Dinge tun, wenn er alleine ist. Auch hier: Nicht die Augen verschließen, sondern
frühzeitig nach Lösungen suchen.

Was ich dir empfehle:

  • Angehörigenschulung besuchen – es verändert den Blick auf die Krankheit
  • Eine Angehörigen-Gesprächsgruppe suchen – zu wissen, dass andere das Gleiche durchmachen, hilft enorm
  • Frühzeitig Pflegegrad beantragen und alle Leistungen ausschöpfen
  • Tagespflege ausprobieren
  • Palliativpflege anfragen, wenn die Demenz fortschreitet
  • Und vor allem: Hilfe annehmen. Das ist keine Schwäche, sondern Verantwortung

Du bist nicht alleine mit dem, was du erlebst. Auch wenn es sich manchmal so anfühlt.

Anna, Gründerin von HannaCare – und für immer Hannelores Enkelin.

Häufige Fragen zum Alltag mit Demenz zu Hause

Wie kann ich den Alltag mit Demenz zu Hause am besten gestalten?

Im Alltag mit Demenz zu Hause hilft hauptsächlich ein verlässlicher Rahmen. Feste Zeiten für Mahlzeiten, kleine Rituale, Ruhepausen oder Spaziergänge geben Orientierung und können viel Sicherheit vermitteln. Auch eine vertraute, eher ruhige Umgebung hilft oft dabei, Stress zu reduzieren. Es muss dabei nicht alles perfekt sein – meistens sind es die einfachen, wiederkehrenden Dinge, die den Alltag leichter machen.

Was sind die größten Herausforderungen bei Demenz zu Hause?

Die größten Herausforderungen bei Demenz zu Hause sind oft nicht nur körperlich, sondern vor allem emotional. Wenn ein vertrauter Mensch sich verändert, Gespräche schwieriger werden und der Alltag immer mehr Aufmerksamkeit verlangt, ist das für Angehörige sehr belastend. Viele haben das Gefühl, ständig wachsam sein zu müssen und kaum noch richtig zur Ruhe zu kommen. Genau deshalb ist Entlastung so wichtig – am besten nicht erst dann, wenn nichts mehr geht.

Was hilft bei Unruhe und Weglauftendenz bei Demenz?

Unruhe und Weglauftendenz bei Demenz haben oft einen inneren Grund – auch wenn man ihn nicht sofort erkennt. Dahinter können Angst, Schmerzen, Hunger, Langeweile oder Bewegungsdrang stecken. Hilfreich ist es, ruhig zu bleiben, Sicherheit zu vermitteln und zu schauen, was gerade gebraucht wird. Kleine Ablenkungen, vertraute Tätigkeiten oder ein gemeinsamer Spaziergang können helfen. Auch technische Hilfen wie Tracker oder Sensoren können im Alltag entlasten und für mehr Sicherheit sorgen.

Entdecke unser Beschäftigungsheft

Mockup des HannaCare Beschäftigungshefts mit Kreuzworträtsel auf der Innenseite.

Rätsel, Übungen und Ausmalbilder für schöne
gemeinsame Momente trotz Demenz.

Anna und ihre Großmutter Hannelore schauen gemeinsam in die Kamera.

Ich teile, was ich selbst gern früher gewusst hätte

Ich bin Anna. Ich habe meine Oma durch ihre Demenz begleitet und teile in 5 Mails die 25 Alltagstipps, die ich gerne früher gehabt hätte – ehrlich, praktisch und aus eigener Erfahrung. Danach bekommst du regelmäßig weitere Impulse, Tipps und garantiert keinen Spam.

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